Zahnerkrankungen und retrogrades Zahnwachstum

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Sehr viele Chinchillas haben nicht entdeckte Zahnauffälligkeiten, insbesondere zu lange Zähne oder Zahnwurzeln. Symptome zeigen sich leider erst recht spät. In einer Studie von Böhmer (2009) konnten bei 149 von 173 Tieren Zahn- und Kieferanomalien festgestellt werden. Das entspricht über 86% der untersuchten Chinchillas. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei unserer chinchillakundigen Tierärztin, die alle bei ihr vorgestellten Chinchillas auch auf Zahnerkrankungen untersucht. Crossley (2001) diagnostizierte bei 35% der ihm ohne Krankheitszeichen vorgestellten Tiere anormale Zahnbefunde.

Definition

 Die Bezeichnung „retrograd“ ist irreführend, da die Zähne nicht wirklich „rückwärts“ wachsen, sondern sich tiefer in den Kiefer hineinarbeiten, weil zur Kaufläche hin kein Platz mehr ist. Leidet ein Chinchilla unter retrogradem Zahnwachstum, so bedeutet es letztendlich, dass eine, mehrere oder alle Zahnwurzeln der Backenzähne zu lang sind. Diese Überlänge erkennt man spätestens anhand sogenannter Referenzlinien (Böhmer, Crossley 2009), die ein Tierarzt auf Röntgenbildern ziehen kann. Dort sieht man dann u.a., wie viel zu lang die Wurzeln sind, wie viel Zahnsubstanz beim Kürzen abgetragen werden muss und ob die überlangen Wurzeln bereits kurz vor oder am Durchbrechen in die Augenhöhle (Oberkiefer) oder durch den Unterkiefer sind.

Ursachen

Die Prädisposition für retrogrades Zahnwachstum wird oftmals vererbt, ist also genetisch bedingt. Zudem kann es die Folge nicht rechtzeitig erkannter und nicht behandelter Zahnprobleme sein wie z.B. von Entzündungsprozessen oder seltener Zahnfrakturen und Trauma. Weitere begünstigende Faktoren sind: das Alter, falsche Ernährung während der Trächtigkeit, Laktation, im Wachstum oder später im Erwachsenenalter (z.B. mangelhafter Zahnabrieb1 oder Nährstoffmangel durch falsche Futterzusammensetzung oder zu hartes Futter). Manchmal liegt die Ursache an anderen Krankheiten wie Herz-(!), Stoffwechselerkrankungen oder Krebs, die mit Nährstoffaufnahmestörungen oder verminderter Futteraufnahme einhergehen. Sie tritt also sekundär auf.

 

 

WICHTIG:

 

Bei Verdacht auf eine Zahnerkrankung sollten bei Chinchillas immer Röntgenaufnahmen des Schädels angefertigt werden.

 

Bei Adspektion der Maulhöhle kann nämlich durch eine Hypertrophie der Gingiva der Eindruck einer normalen Kronenlänge im Backenzahnbereich vorgetäuscht werden.“ Lumpp 2018

 

 

Symptome

Einen ersten Hinweis auf überlange Zähne und /oder Zahnwurzeln geben zu lange oder schief abgenutzte Schneidezähne, die man rasch erkennen kann.

Typische Symptome für retrogrades Zahnwachstum sind neben schiefen oder zu langen Schneidezähnen:

  • feuchte(s) Auge(n)partie(n)(2)
  • Speicheln (3)
  • auffälliges Fressverhalten (4)
  • Gewichtsverlust, Untergewicht
  • Verdauungsprobleme wie Durchfall, Verstopfung oder deformierte Köttel, Vermehrung von Hefen und Giardien im Magen-Darm-Trakt
  • von außen tastbare Beulen / Knochenauftreibungen am Unterkiefer
  • Kopfschiefhaltung v.a. beim Fressen
  • hervorstehende Augen, erhöhter Augeninnendruck

Oft treten nur 1-2 dieser Symptome auf und oft erst im fortgeschrittenem Stadium. Beginnende Zahnprobleme kann man nur durch regelmäßige Prophylaxe rechtzeitig erkennen. Wir empfehlen daher 1-2x jährlich einen Vorsorgetermin bei einem chinchilla- und zahnkundigen Tierarzt.

 

Das Auge (oder beide Augen) ist nicht notwendigerweise immer feucht, manchmal nur tage- oder wochenweise. Augentropfen, die oft aufgrund falscher Diagnose verschrieben werden, verschaffen kurzfristig Linderung, weil der Nasen-Tränen-Kanal, auf den die überlangen Zahnwurzeln im Oberkiefer drücken, durchgespült wird. Da das Problem jedoch weiterhin besteht, kehren die Augenprobleme immer wieder zurück.

 

Meist leiden betroffene Tiere nicht nur am retrograden Zahnwachstum allein, sondern haben ebenso andere Zahn-/Kieferprobleme wie:

  • Abszesse z.B. im Kiefer
  • diverse Entzündungen z.B. der Wurzeln
  • Kiefergelenkveränderungen z.B. Muskulaturabbau
  • lockere, verschobene, abgestorbene, gekrümmte oder gebogene Zähne
  • Paukenhöhlenveränderungen
  • überlanges, wucherndes Zahnfleisch (5)
  • Zahnschmelzdefekte
  • Zahnsubstanzschwund und -veränderungen (oft durch Entzündungen im Bereich der Zahnwurzel verursacht) etc.

Zu lange, nicht ausreichend oder falsch/schief abgeriebene Backen- und Schneidezähne liegen eigentlich immer vor. Ein sicheres Anzeichen für überlange Backenzähne sind Verfärbungen: Die natürliche Backenzahnfarbe ist, im Gegensatz zu gelb-orangenen Schneidezähnen, weiß.

Diagnose

 Eine genaue Diagnose ist ausschließlich mithilfe guter Röntgenbilder möglich (in min 3 verschiedenen Ebenen: seitlich rechts und links und von oben, ggf. auch von vorne). Röntgenbilder können normalerweise ohne Narkose – maximal in einer leichten Gasnarkose – erfolgen. Eine Injektionsnarkose nur wegen Röntgenaufnahmen ist auf keinen Fall nötig. Anders sieht es aus, wenn man die Probleme bereits durch eine Mundhöhleninspektion erkennt und die Zähne direkt nach dem Röntgen intensiv sanieren möchte.

Therapie

Zahnsanierung:

 Bei der Erstbehandlung sollten die Mundhöhle und alle Zähne mithilfe eines Maulgatters und Maulspreizers genaustens untersucht und der Schädel bzw. die Zähne geröntgt werden.

 Zu lange Zähne müssen bis zum Zahnfleisch heruntergeschliffen werden, lockere oder abgestorbene Zähne müssen nicht selten extrahiert werden. Wenn das Zahnfleisch bereits gewuchert hat, muss es (in Narkose) gekürzt werden, sonst kann man die Zähne nicht ausreichend runterschleifen. Nur durch regelmäßiges Schleifen (nicht Knipsen!) der Zähne bis zum Zahnfleisch herunter (6) (bis auf die normale, gesunde Höhe des Zahnfleisches, nicht die bereits gewucherte!) wird der Druck auf die Wurzeln so verringert, dass die Erkrankung langsamer fortschreiten kann und die Tiere wieder normal(er) kauen können. Gesunde, ausreichend abgeriebene Backenzähne von Chinchillas haben die selbe Höhe wie das Zahnfleisch. Es reicht nicht aus, nur die Zahnspitzen oder bereits gebildete Brücken zu kürzen wie das leider oft gemacht wird. Die Zähne müssen auf ihre natürliche physiologische Länge gekürzt werden.

Je nach Ausprägung der Erkrankung müssen die Zähne alle 3 Wochen oder alle paar Monate kontrolliert und gekürzt werden. Bei uns lag der Schnitt bei 2-4 Monaten. Wir hatten aber bereits einen Notfall, der alle 3 Wochen zum Kürzen musste, andere Tiere müssen nur 1-3x im Jahr zum „Zahnarzt“.

Gesund werden können Chinchillas mit retrogradem Zahnwachstum nicht. Je früher man das Problem jedoch erkennt und behandelt, desto langsamer schreitet es voran, desto besser die Lebensqualität und desto länger die Lebenserwartung. Zudem haben Tiere im fortgeschrittenem Stadium starke Schmerzen und können sogar verhungern, hier muss dringend gehandelt werden.

Medikation:

Je nach benötigtem Eingriff und vorliegender Problematik kann eine Antibiose notwendig sein. Nach größeren Eingriffen sowie bei fortgeschrittener Erkrankung, ist die Gabe von Schmerzmitteln wie Metacam(7) (ggf. zusammen mit Novalgin) unausweichlich, um das Leid der Tiere möglichst gering zu halten. Dies kann täglich und über einen längeren Zeitraum erfolgen. Nehmen die Nager trotz korrekt dosierter Schmerzmedikation und regelmäßiger Behandlung ab, können nicht mehr von alleine (ausreichend) fressen oder zeigen Apathie oder sonstiges verändertes Verhalten oder Schmerzanzeichen, ist eine Euthanasie das einzig Faire.

Breifütterung und Päppeln:

Falls die Tiere nach einer Zahnsanierung nicht essen, müssen sie gepäppelt werden. Man sollte kurzfristig alle beliebten Sachen und Leckereien anbieten – Hauptsache das Chin nimmt vorerst überhaupt etwas zu sich. Klappt das nicht, so sollten die Tiere in den ersten Tagen mit Brei ernährt werden. Bestenfalls bekommen sie maximal 3x am Tag zwischen 18 und 7 Uhr morgens eine Breimahlzeit (ca. 6-10ml). Tagsüber sollte man Chins in Ruhe schlafen lassen! Ein zu häufiges Breifüttern führt dazu, dass die Nager weniger oder sogar gar keine Eigenmotivation haben, selber zu fressen und das führt ganz schnell zu noch mehr Zahnproblemen, weil die Zähne sich beim Kauen nicht abnutzen können. Ein möglicher Grund, warum Patienten nicht fressen, ist, dass sie nach dem Eingriff Schmerzen haben und/oder ein Fremdheitsgefühl im Mund: dagegen hilft die Gabe von genügend Schmerzmitteln.

Ernährung:

Je früher man die Erkrankung erkennt, desto mehr kann man mithilfe von artgerechter und angepasster Ernährung tun. Später ist es eher nur Schadensbegrenzung und soll dazu führen, dass die Tiere weniger Schmerzen haben und dennoch möglichst genug fressen können. Die Abstände zwischen den Zahnkürzungen können im spätem Stadium durch entsprechende Fütterung nur geringfügig ausgeweitet werden. Generell gilt aber: Je länger gekaut wird und sich die Zähne abnutzen desto besser.

 

 

Beispiel: Aufnahmezeiten für 1g Trockensubstanz (Schlolaut 2003)

 

Heu: 4,72-12,2 Minuten
Gras: 6,84 Minuten
Heupellets/-cobs: 2,30 Minuten
kommerzielles Mischfutter: 1,40 Minuten

 

 

Das bedeutet, die Tiere sollten täglich möglichst viel Rau- und Grünfutter fressen:

  • Mischung aus getrockneten Kräutern, Blättern, Blüten (min 30 verschiedene tägl.)
  • Heu
  • frische Gräser, Kräuter, Blüten, Blumen (z.B. Callisia repens)
  • frische und getrocknete Zweige samt Blattwerk
  • blättriges Gemüse wie Chicorée, Salatherzen und andere v.a. bittere Salate, Möhrenkraut

Ferner wird der Speiseplan ergänzt durch:

  • Saftfutter wie Apfel, Birne, Möhre oder Beeren: Gerade im fortgeschrittenem Stadium wird Frischfutter wie Saftfutter bevorzugt und bietet in Form von Früchten & Co. ein paar Kalorien und Vitamine extra, die die Tiere brauchen
  •  Kraftfutter: Tiere, die noch genügend von den oben genannten Sachen fressen und ihr Gewicht halten können, sollten bestenfalls gar kein Kraftfutter bekommen; können sie ihr Gewicht ganz ohne nicht halten, empfehlen wir 2-3x in der Woche 1TL Kraftfutter pro Chinchilla; zahnwurzelkranke Tiere sollten eher weichere Sachen bekommen wie feine Saaten, Kerne, weiche Pellets oder weiches Gemüse, um den Druck auf die Wurzeln möglichst gering zu halten; auf sehr harte Sachen sollte man bei zahnkranken Tieren komplett verzichten (d.h. kein hartes Trockengemüse, Extrudate, Erbsen- und Ackerbohnenflocken, Körner, Mandeln, Haselnüsse, harte Pellets usw.)

Harte Futtermittel dienen nicht dem Zahnabrieb wie man lange falsch angenommen hat! Diese werden mit den Zähnen geknackt statt zermahlen (Böhmer 2014), was eine widernatürliche Fressbewegung darstellt, die auf Dauer dem Kiefer und den Zähnen schadet. Harte Sachen sollten daher ebenfalls bei gesunden Chinchillas nur mit Bedacht gefüttert werden.

 

Generell gilt:

 

 

Je länger die Tiere mit der Futteraufnahme (Abbeißen, Kauen, Zermahlen) beschäftigt sind, um so günstiger ist dies auch für die Zahnabnutzung (Zähne nutzen sich nur aneinander, und nicht am Futter ab (8)).“

Kamphues 2004

 

 

 

Bilder von Frau Dr. S. Theermann:


(2) Die Wurzeln drücken im Oberkiefer auf den Nasen-Tränen-Kanal, wodurch v.a. beim Futterzermahlen sehr oft Eiter auf einem oder beiden Augen fließt; manchmal kann auch aus der Nase Eiter austreten, dabei können beim Fressen und Atmen auffällige Geräusche wie Niesen oder Fiepen entstehen.

(3) die sogenannte „Salivation“; feuchte Stellen ums Mäulchen, später auch an Brust und Bauch

(4) z.B.: viel Bröseln und nur Anknabbern von (v.a. härteren) Futtermitteln, Fallenlassen und Drehen des Futters, Rumwühlen im Napf ohne was richtig zu fressen, Bevorzugen weicher Futtermittel, einseitiges Kauen, Sich-Reiben am Mäulchen, Knirschen, Fiepen und „Niesen“

(5) die sogenannte „Gingivahypertrophie“

(6) Achtung: Die normale Backenzahnlänge ist beim Chinchilla - ganz im Gegensatz zum Meerschweinchen oder Kaninchen - gleich der Höhe des gesunden Zahnfleisches!

(7) Die korrekte Dosierung des Wirkstoffs Meloxicam beträgt 0,5/kg 1x täglich (u.a. Emmerich und Hein 2018), Näheres zum Thema unter: https://www.chinchilla-scientia.com/gesundheit/medizin/metacam-melosus/

(8) Anmerung: Denn nur Zahnsubstanz ist hart genug, um Zahnsubstanz abzureiben!

 

Literatur (Auswahl)

  • Böhmer E; Crossley DA (2009): Objective interpretation of dental disease in rabbits, guinea pigs and chinchillas. Use of anatomical reference lines.
  • Böhmer, E (2014): Warum leiden Hauskaninchen so häufig unter Gebiss- und Verdauungsproblemen?
  • Crossley DA (2001): Dental disease in chinchillas in the UK.
  • Emmerich; Hein (2018): Dosierungsvorschläge für Arzneimittel bei Kleinnagern, Kaninchen, Frettchen und Igeln.
  • Kamphues, J (2004): Kaninchen und Meerschweinchen: Häufige Fütterungsfehler und Hinweise zur Diätetik,
  • Lumpp, L (2018): „Chinchillas haben häufig Zahnprobleme“ – Zahnerkrankungen erkennen und behandeln.
  • Schlolaut, W (2003): Das große Buch vom Kaninchen.